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Sie haben beide am 27. März Geburtstag. Sind Sie sich ähnlich?
Rowohlt: Wir sind Sternenbrüder. Beide Widder mit Schützen im Aszendenten. Widder wollen mit dem Kopf durch die Wand und der Schütze sorgt dafür, dass man die Wand verfehlt. Nee, Quatsch. Außer uns haben da noch Heinrich Mann und Adolf Glaßbrenner Geburtstag. Auf beides bin ich sehr stolz. Glaßbrenner war einer der ersten offiziellen deutschen Satiriker. Sie kennen doch so nachgemachte Berliner Kneipen, die heißen Nante Eck. Das ist ne Figur von Glaßbrenner.
Haag: Peter Krauss und Peter Maffay haben auch mit uns Geburtstag, ganz schön viele Peter.
Was schätzen Sie an Harry Rowohlt?
Rowohlt: Bestimmt Schnelligkeit und Zuverlässigkeit, dasselbe, was ich an dir schätze.
Haag: Fast alles.
Rowohlt: Fast?
Haag: Eigentlich alles.
Rowohlt: Eigentlich? Können Sie mal rausgehen?
Und wie werden Sie feiern?
Rowohlt: Ich gar nicht. Ich hatte mir schon gewünscht, meinen 60.
Geburtstag ungefeiert zu lassen, und das ist mir nicht erfüllt worden. Peter wollte, dass wir diesmal zusammen Gerhard Polt in Italien besuchen und auf die Kacke hauen, aber nee. Ich verreise so oft dienstlich, dass ich aus Quatsch überhaupt keine Lust dazu habe.
Dabei sind Sie dafür bekannt, dass Sie gern feiern.
Rowohlt: Sie dürfen nicht vergessen, dass ich seit dem 26. Juni 2007 strenge Ethanolkarenz schiebe. Ich saufe nicht mehr. Nach den Lesungen hab ich eh nie gesoffen, nur während der Lesungen. Es hieß nicht ohne Grund Schausaufen mit Betonung. Bei Lesungen besteht das Publikum in aller Regel aus Freunden, die man noch nicht kennt. Während der Lesung versucht man, das zu ändern. Insofern ist es eine Feier.
Ihre Lesungen dauern immer sehr lange.
Rowohlt: Das lag daran, dass meine erste Lesung in Aachen war: Da hab ich einen solchen Schreck gekriegt, dass Leute hinkommen, die dafür bezahlt haben, dass ich - damit die auf ihre Kosten kamen - ganz lange gelesen hab. Meine zweite Lesung war in Köln, da dachte ich, warum sollen die Kölner schlechter behandelt werden als die Aachener, und da hab ich wieder so lange gelesen, und so weiter. Das hat auch den Vorteil, dass das Publikum immer besser wird. Weil welche weggehen, und gegen halb zwei bist du mit der Creme de la creme zusammen.
Wie haben Sie sich kennengelernt?
Rowohlt: Der Haffmans war Lektor bei Diogenes, bis er sich selbständig machte, und da war Peter Vertriebschef. Ich hab dir damals gleich mal eine Sonnenbrille gebastelt!
Haag: Stimmt, und mir damit die Augen geöffnet. Super war die, aus Filmstreifen. Das war ungefähr 1987.
Rowohlt: Wir haben praktisch eine Sandkastenfreundschaft.
Und was wünschen Sie sich vom nächsten Lebensjahr?
Haag: Ich wünsch mir ein Buch von Harry, und ich wünsche mir als Verleger möglichst viele gute Bücher. Dass es dem Verlag gut geht. Und mir und meiner Familie auch.
Rowohlt: Kriegt ihr noch ein Kind? Das erste ist mein Patenkind.
Haag: So ein tolles kriegen wir doch kein zweites Mal hin.
Und was wünschen Sie sich, Herr Rowohlt?
Rowohlt: Dass es im Großen und Ganzen so weitergeht wie bisher. Etwas weniger, etwas besser geplant. Dadurch, dass ich so viel zu tun habe, stellt sich heraus, dass ich eine verfehlte Lebensplanung habe, weshalb ich eigentlich 100 Mal zur Strafe aufschreiben müsste: Ich habe keine Zeit. Aber dazu hab ich keine Zeit.
Also wünschen Sie sich mehr Zeit?
Rowohlt: Ja. Aber auf Lesereisen hab ich ja doch wieder Zeit, weil ich da nicht übersetzen kann.
Haag: Dafür kannst du Korrektur lesen.
Rowohlt: Stimmt. Korrekturlesen ist in der Eisenbahn noch statusfördernder als »New Yorker« zu lesen. Allerdings nicht so statusfördernd wie Partiturenlesen und sich dabei leise zu wiegen. Das kann ich aber leider nicht.
Dafür können Sie nicht nur übersetzen, auch schreiben. Was machen Sie lieber?
Rowohlt: Schreiben, das macht nicht so viel Arbeit. Ich komm aber selten dazu, weil ich immer Termine habe. Ich hatte zwei wunderbare Pooh¹s Corner im Kopf, die hätte ich nur abtippen müssen. Aber wenn man denkt, was meine Übersetzerkollegen alles nicht schreiben denn die können ja auch schreiben. Sonst wären sie nicht belletristische Übersetzer geworden.
Ist jeder Übersetzer auch Autor in spe?
Haag: Nicht in spe. Aber bei dir, Harry, ist es besonders schade, dass du fast nicht zum Schreiben kommst. Heute morgen hab ich mir die Aufnahme von »John Rock« angehört, die Harry eingesprochen hat, ein wundervoller Text.
Rowohlt: Und das mit meinem Provisorium im Mund.
Haag: Es handelt sich um ein Kleinod der deutschen Literatur, geschrieben von Harry, mit dem viel versprechenden Titel »John Rock oder der Teufel«.
Rowohlt: Ein Kochwestern. Der ist so wunderschön, was man auf der CD nicht merkt, weil er von Peter Gut illustriert wurde. Da quatschen mich immer Leute drauf an und fragen: Sind Sie John Rock?
Haben Sie ein Lieblingsbuch?
Rowohlt: Pu der Bär und »Auf Schwimmen-zwei-Vögel« von Flann O¹ Brien, die ich beide neu zu übersetzen die Ehre hatte. Aktuell wechselt das zwischen Frank Schulz¹ »Mehr Liebe« und »Die russische Fracht« von Oleg Jurjew.
Haag: Meine sind Stendhals »Rot und Schwarz«, Laurence Sternes »Tristram Shandy« und »Die Kinder der Finsternis« von Niebelschütz. Dazu genieße ich das Privileg, dass ich die meisten meiner Lieblingsbücher selber verlegen darf.
Was macht ein gutes Buch aus?
Rowohlt: Die Handlung schon mal nicht. Gute Bücher brauchen keine Handlung.
Wer Handlung braucht, soll zum Catchen gehen.
Haag: Die hast du ja für „Auf Schwimmen-zwei-Vögel“ gültig zusammengefasst: »Eine Gruppe vom Menschen geht von A nach B und quatscht sich dazwischen fest.«
Stand es für Sie nie zur Debatte, den Rowohlt Verlag zu übernehmen?
Rowohlt: Ursprünglich hatte ich nichts dagegen. Die Sache war, dass ich bei Suhrkamp Lehrling war. Dadurch war ich für diesen prolligen Laden verdorben. Rowohlt hat zum Beispiel McKinsey engagiert, damit die für ein Heidengeld ein Drittel der Belegschaft feuern - das hätte ich auch machen können. Für umme!
Haag: Aber du hast es nicht gemacht! Und ich behaupte mal, das war eine kluge Entscheidung, für dich und für den Verlag.
Rowohlt: Auf der vorigen Buchmesse in Frankfurt hat mich Rolf Hochhuth gefragt, warum ich nicht den Rowohlt Verlag übernommen habe, und da hab ich
geantwortet: »Vielen Dank! Ich komm auch so gut mit dem Arsch an die Wand.« Weil er aber wie alle Meinungsführer nicht zuhört, mir statt dessen seinen Scheiß-Geflügelspieß auf den Bauch gespuckt hat, hab ich zu ihm gesagt: »Werden Sie erst mal zu so nem Idol wie ich, dann sprechen wir uns wieder.«
Haag: Mir hast du dafür richtig Mut gemacht, als du erzähltest, dass dein Vater drei Mal fast pleite gemacht hat.
Rowohlt: Fünfmal. Das wäre die Tradition gewesen, die ich als erstes wiederbelebt hätte.
Warum sind Sie da so sicher?
Rowohlt: Ich hätte den Laden gegen die Wand gefahren, denn ich kann nicht rechnen. Außerdem finde ich, dass jeder die Pflicht hat, zu tun, was er kann, und das zu lassen, was er nicht kann.
Haag: Deshalb bin ich auch nicht Buchhändler geworden, trotz langer Familientradition. Ich bin so oder so überzeugt, dass wirtschaftliche Grenzerfahrungen zum Leistungsausweis der anspruchsvollen Verlegerei gehören, alles andere ist Erbsenzählerei. Alle berühmten Verleger, die wir heute bewundern, waren mal knapp vorm Absturz. Als guter Verleger muss man an die Grenzen gehen. Und manchmal darüber hinaus. Das ist das Schöne an der Unabhängigkeit.
Rowohlt: Irgendwann werde ich mit der Pinzette aus der Totenmaske meines Vaters ein Barthaar zupfen und zur DNA-Analye einschicken. Wenn sich dann herausstellt, dass er gar nicht mein leiblicher Vater ist, hab ich sowieso meine Ruhe. Meine Mutter war ja n ziemlicher Feger.
Haag: Die DNA-Analyse kannst Du Dir schenken, das Rowohltsche kriegst du nicht raus, schon optisch nicht. In meinem Büro hängt ein Bild von Ernst Rowohlt, und seinen Sessel hat mir Harry auch geschenkt.
Rowohlt: Man darf nicht vergessen, dass meine Mutter zum Zeitpunkt meiner Empfängnis mit dem Kunstmaler Max Rupp verheiratet war. Der sich da aber schon in sowjetischem Gewahrsam befand.
Haag: Komm, wir schreiben doch das nächste Mal hin: »Kongenial übersetzt von Harry Rupp«, und schon haben wir einen neuen Fall Hegemann.
Rowohlt: Mich hat neulich die »Recklingshäuser Zeitung« interviewt, und deren letzte Frage war, ob ich was zum Fall Hegemann sagen wollte, und ich hab gesagt: »Ich fang doch jetzt nicht plötzlich an, Ullstein-Bücher zu lesen.« Aber der Titel ist toll: »Axolotl Roadkill«, da kannst du echt nicht meckern.
Sind Sie selbst schon beklaut worden?
Rowohlt: Nee, ich hab aber schon geklaut. Das war aber Kryptomnese, so heißt der Fachausdruck. Ich hab in meiner »Zeit«-Kolumne Pooh¹s Corner zweimal eine Formulierung von Flann O¹Brien verwendet, ohne es zu merken, was daran lag, dass ich das mal übersetzt hatte. Da habe ich einen Erpresserbrief von einer Germanistik-Studentin bekommen, wenn ich ihr nicht einen Brief schreibe, gehe sie damit zum »Stern«. Ich hab natürlich einen Schreck bekommen, hab ihr geschrieben, und sie war dann bei einer Lesung in Heidelberg mit drei Kommilitoninnen, alle drei trugen Flann-O-Brien-T-Shirts. Das war eine Augenweide. Das reibe ich seitdem immer den hässlichen Joyce-Fans unter die Nase.
Haag: Bei dir, Harry, ist es doch umgekehrt: Du lässt die Leute in Pooh¹s Corner Sachen sagen, und die glauben, dass sie das tatsächlich gesagt haben. Und sind mächtig stolz drauf. Da bist du vielleicht ganz Übersetzer, für das, was sie eigentlich sagen wollen.
Rowohlt: Es gibt den schönen Übersetzersatz: Was nützt die schönste Übersetzung, wenn in ihr dasselbe steht wie im Original? Übersetzerwissenschaften sind für Übersetzer so wichtig wie Ichthyologie für Fische.
Kam daher Ihre Entscheidung, nicht zu studieren?
Rowohlt: Ich habe studiert. Amerikanistik in München. Aber nur zweieinhalb Stunden. Aber immer wenn ich in München bin, denke ich gerührt: Ach, meine alte Alma Mater.
Hätten Sie Lust, selbst zu lehren?
H: Dann würde ich sofort wieder die Schulbank drücken. Von Harry weiß ich mehr als von all meinen Deutschlehrern zusammen.
Haben Sie eine Lieblingsbuchhandlung?
H: Ja, Das Buch in Eppendorf (HH). Das war schon meine Lieblingsbuchhandlung, als sie noch Buchhandlung Seifert hieß. Jetzt wird sie von drei Damen geführt, mit denen ich mehr oder weniger befreundet bin, eine davon ist meine Frau.
H: Und diese Buchhandlung ist für dich sogar in Puschendistanz.
Wie wichtig ist beim Bücherkauf die Gestaltung?
H: Sehr wichtig. Wir wollen schöne Bücher machen, keine Buchattrappen. Wenn ich mich so umschaue, gibt es ziemlich viele Buchattrappen.
R: Beim Signieren gibts ein Buch - ohne Namen zu nennen -, wenn ich das widmen soll, schreibe ich immer „So ein hässliches Teil“.
H: Das ist kein Buch von uns?
R. Nein, Kein & Aber ist doch mein Lieblingsverlag.
H. Dann ist ja gut.
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